Sind bei dieser WM noch Sensationen zu erwarten?

„So scheiden wir gegen Frankreich aus“, unkte die Bild nach dem deutschen 2:1 in der Verlängerung gegen Algerien. „Was wollen Sie jetzt von mir?“, würde Per Mertesacker entgegnen. Ja, was will die Öffentlichkeit von einem WM-Favoriten? Deutschlands Viertelfinal-Gegner Frankreich bekam in der Dienstagsausgabe der Frankfurter Allgemeinen ins Stammbuch geschrieben: „Leistet sich Frankreich dort [im VF] noch einmal einen derart uninspirierten Auftritt [wie gegen Nigeria], dann dürften seine Ambitionen auf mehr demnächst erloschen sein“. Diese Zeilen wurden vor dem deutschen Spiel geschrieben, aber offenbar trauen (zumindest die deutschen) Journalisten beiden Kontrahenten nicht viel zu. Wem denn dann? Argentinien gehöre „nicht zum Favoritenkreis“, befand die ARD nach der Vorrunde mit drei Albiceleste-Siegen, die Selecao sei „eine der schlechtesten Mannschaften, die Brasilien je zu einer WM geschickt hat“ (FAS).

Spanien, Italien und England sind bekanntlich bereits in der Vorrunde ausgeschieden, in einer vermeintlichen „WM der Überraschungen“. Nur sechs europäische Mannschaften standen im Achtelfinale, Minusrekord wie bei der WM 2010. Damals hatte man auch schon in der Vorrunde von der Stärke der Südamerikaner geschwärmt, es gelangten nur drei Europäer überhaupt ins Viertelfinale, diese (Spanien, Niederlande, Deutschland) belegten dann  aber die ersten drei Plätze. Aktuell stehen unter den letzten Acht des Turniers immerhin vier europäische Mannschaften. Erleben wir denn aber wirklich eine WM mit vielen Sensationen? Zweifellos ist Costa Ricas Einzug ins Viertelfinale eine der größten Überraschungen der Fußballgeschichte, aber in den acht Zweitrundenspielen setzten sich alle acht Gruppensieger der Vorrunde durch, das gab es so noch nie. Spricht also eher für die Rückkehr der etablierten Kräfte. Mehr noch: Von den sechs vor dem Turnier als größte Favoriten eingeschätzten Mannschaften (etwa nach Wettquoten von bet365 drei Tage vor WM-Start) fehlt im Viertelfinale nur Spanien.

Wodurch aber entsteht dann der Eindruck, alle Favoriten täten sich schwer und es gäbe kaum noch Unterschiede zwischen den Teams? Interessant ist, dass von den fünf angesprochenen Favoriten, die in der KO-Phase noch vertreten waren (Brasilien, Argentinien, Deutschland, Frankreich und Belgien) kein einziger in der 78. Minute seines Achtelfinals in Führung lag – auch die Niederlande nicht, die man inzwischen sicher auch zum erweiterten Favoritenkreis zählen kann. Alle sechs aber kamen trotzdem ins Viertelfinale. Die Gründe dafür zu verstehen, ist zentral, wenn man voraussagen will, wie das Turnier in seiner Schlusswoche weiter verlaufen wird. Dabei geht man am besten nicht den Medien auf den Leim, die als Ursache etwa für Argentiniens Sieg über die Schweiz „Glück“ (ZDF) vermuten oder meinen, Spiele würden vor allem über „den Willen“ entschieden (Deutschlandfunk). Keine Statistik der Welt kann erklären, warum die Favoriten durch die Bank mehr Glück haben sollten als die Außenseiter – oder warum es denen ausgerechnet am Willen fehlen sollte. Denn dieser war sicher die einzige Ressource, die etwa die Spieler der USA in gleichem Maße besaßen wie ihre belgischen Kontrahenten. Trotzdem reichte es bekanntlich für die US-Boys ebenso wenig wie für die Schweiz.

Interessanterweise wurde es im Achtelfinale umso enger, je größer die Favoritenrolle war. Brasilien musste ins Elfmeterschießen, Argentinien traf erst kurz vor Ende der Verlängerung zum Sieg, Deutschland und Belgien gewannen knapp nach 120 Minuten, hatten den Sieg aber jeweils zu Beginn der Extra Time auf den Weg gebracht. Die Niederlande brauchten die Stoppage Time der regulären Spielzeit für ihren Sieg, Frankreich siegte mit zwei späten Toren ab der 79. Minute. In keinem dieser Fälle gewann aber die „schlechtere Mannschaft“. Es setzte sich immer das Team mit der größeren individuellen Klasse durch, immer das mit den besser bezahlen Profis, immer die Mannschaft, die mehr Schüsse aufs Tor des Gegners abgab als der Kontrahent. Interessanterweise stellen die beiden Viertelfinalisten, die ich bisher nicht angesprochen habe, hier teilweise Ausnahmen dar: Costa Rica rettete sich irgendwie gegen Griechenland ins Elfmeterschießen, hätte in Unterzahl über 120 Minuten aber eigentlich verlieren müssen, nach Spielanteilen und Chancen zu urteilen. Und Kolumbien dominierte Uruguay total, ließ insgesamt aber mehr Abschlüsse zu als der Gegner.

Kolumbien wird nun landauf, landab als einzige Mannschaft genannt, die „vollauf überzeugt“ habe. Das stimmt natürlich erstmal, und zweifellos ist James Rodríguez bisher der beste Spieler des Turniers. Doch man darf nicht vergessen, dass die Gegner der Cafeteros bisher Griechenland, Elfenbeinküste, Japan und Uruguay ohne Luis Suárez hießen. Gegen Brasilien wird das eine ganz andere Geschichte. Zwar ist es denkbar, dass Kolumbien mit seinen starken Spielverlagerungen und Flügelwechseln Platz hinter den brasilianischen Außenverteidigern findet (Marcelo gegen Juan Cuadrado verspricht ein tolles Duell zu werden), aber bisher gibt es keinen Beleg dafür, dass José Pekermans Team gegen einen so starken Gegner wie Brasilien zur Entfaltung kommen kann. James Rodríguez dürfte es dabei immerhin entgegenkommen, dass Luiz Gustavo den Gastgebern gelbgesperrt fehlt. Ich denke jedoch, dass Brasilien sich durchsetzen wird, weil die Mannschaft ein Pressing spielen kann, dass Kolumbien so noch gar nicht kennengelernt hat. Ausgeschlossen ist eine Überraschung nicht, aber Brasiliens Chancen stehen insgesamt besser, als die nervösen Medien annehmen. Den Quotenvergleich zur Partie für deine Wette gibts übrigens hier.

Sind denn in den anderen Viertelfinals noch Sensationen zu erwarten? Wenn ich dir nun erzähle, dass Costa Rica nicht die geringste Chance hat, die Niederlande zu schlagen, so wirst du zu Recht sagen, das gleiche hätte ich auch für die Aussichten der Ticos, Gruppensieger zu werden, prophezeit. Das stimmt. Aber wenn man sich das Matchup gegen die Elftal genau ansieht, dann ist kaum vorstellbar, dass Costa Rica mit seinem 5-4-1 einen Trainer wie Louis van Gaal überwinden kann. Denn die Niederländer spielen ja selbst gerne mit drei Innenverteidigern, und wenn zwei so ähnliche Formationen aufeinandertreffen, dann ist aus Sicht der individuell stärkeren Elf eigentlich die größte Gefahr, dass es eine zähe Geduldsprobe wird, weil sich die Teams gegenseitig neutralisieren. Mit einem Spieler wie Arjen Robben kann es sich Holland aber, das haben die bisherigen Spiele gezeigt, gut leisten, erstmal abzuwarten und den Gegner an seine Grenzen zu bringen: Alle vier bisherigen WM-Spiele gewannen die Niederlande erst in der zweiten Hälfte.

Das Spiel Deutschland gegen Frankreich ist zu eng, um mit Selbstbewusstsein ein Ergebnis vorauszusagen. Ich glaube zwar, dass Deutschland die größere Kadertiefe hat, aber wenn Didier Deschamps von Anfang an die richtige Taktik findet und Karim Benzema einen guten Tag erwischt, ist ein Viertelfinalaus der DFB-Elf denkbar und wäre auch nach den bisherigen Turniereindrücken keine Sensation. Deutschland wird schon aufgrund des Gegners ganz anders eingestellt sein als gegen Algerien, auch wenn in den heimischen Medien die Leistung der Mannschaft meist im luftleeren Raum analysiert wird. Die Elf von Joachim Löw wird vermutlich tiefer stehen als im Achtelfinale, um mehr Sicherheit in defensiven Umschaltsituationen zu bekommen. Gegen die französischen Außenstürmer im vermutlichen 4-3-3 kann es gar nicht schaden, wenn Deutschland zwei Innenverteidiger auf den Außenpositionen aufbietet, mit etwas Geduld steigt bei defensiver Stabilität im Verlauf des Spiels dann die Chance, dass sich die etwas größere Klasse der Mannschaft durchsetzt. Aber wir sprechen hier von Marginalia, eine gute Szene von Karim Benzema, Paul Pogba oder Mathieu Valbuena kann dieses Spiel auch gut und gerne zu Gunsten der Bleus entscheiden. Den detaillierten Livetipsportal-Wett-Tipp gibts hier.

Bleibt noch Argentinien – das große Rätsel dieser WM. So wenig überzeugend waren die Leistungen der Mannschaft in den bisherigen vier Spielen, dass etwa Mehmet Scholl an „gute Chancen“ der Schweiz glaubte, die Albiceleste auszuschalten. Das blieb aber Wunschdenken. Die Abhängigkeit von Lionel Messi sei ein Problem, hieß es immer wieder. Andererseits gibt es Schlimmeres, als von so einem Spieler abhängig zu sein. Und im Achtelfinale war es gerade die große Aufmerksamkeit, die die Schweizer Messi zuteil werden ließen, die Ángel di María den Platz für seinen Lauf in den Raum und zum Siegtor gab. Genau das Gegenteil scheint beim nächsten argentinischen Gegner Belgien vorzuliegen: Kein absoluter Superstar, aber eine gigantische Kadertiefe, die in dieser Form kaum eine andere Mannschaft aufweist. Das zeigen unter anderem die vielen erfolgreichen Einwechslungen, die Marc Wilmots bisher vornahm – zuletzt mit der Hereinnahme von Matchwinner Romelu Lukaku gegen die USA. Diese vielen Wechsel bezeugen aber auch, dass Belgien seine beste Startelf noch nicht unbedingt gefunden hat. Und nach vier Spielen könnte man genau das eigentlich bei einer WM erwarten. Argentinien hingegen bietet wenige Fragezeichen, was das Personal von Alejandro Sabella betrifft. Das einzige Fragezeichen ist, ob diese Mannschaft das Zeug hat, Weltmeister zu werden. Ich meine: ja. Der Weg der Südamerikaner ist leichter als der in der anderen Hälfte des Draws (Belgien, vermutlich Niederlande, dann das Finale), und es muss kein schlechtes Zeichen sein, dass wir bisher noch keinen Kantersieg der Mannschaft gesehen haben. Spanien gewann auf dem Weg zu seinem Titel 2010 nur gegen Honduras (2:0) mit mehr als einem Tor Vorsprung, Italien kam 2006 in Deutschland erst im Viertelfinale so richtig in Fahrt. Und auch wenn Argentiniens aktuelle Mannschaft nicht so ausgeglichen besetzt ist wie es die letzten beiden Weltmeister waren – ich glaube, dass Lionel Messi in diesem Turnier den Sprung machen kann und Argentinien zumindest ins Finale führen wird.

Damit spreche ich Belgien nicht jede Chance ab – aber man muss sich vor Augen halten, dass es, seit es wieder ein Viertelfinale bei der WM gibt, also seit 1986, in 28 Spielen gerade einmal drei wirkliche Sensationen gegeben hat (Deutschlands Niederlagen gegen Bulgarien 1994 und Kroatien 1998, Spaniens Aus gegen Korea 2002), und in den letzten 12 Jahren keine einzige mehr (wenn man Brasiliens Niederlage gegen Oranje 2010 nur als leichte Überraschung wertet). Daher, in Kombination mit der Analyse der aktuellen Teams, denke ich, dass es vielversprechender ist, sich auf die Topteams zu konzentrieren und darauf zu setzen, dass Argentinien weiter kommt. Viel weiter.

Ich wette daher: Argentinien wird Weltmeister für 6.00 bei bwin.

Die Quoten auf die weiteren Favoriten findest du in unserem Artikel – Wer wird Weltmeister.

 

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